Wissenschaftlerklau

Am Ende des 2. Weltkrieges ging es in Deutschland drunter und drüber: Millionen Menschen waren ausgebombt und deswegen ohne Wohnung, unglaubliche Mengen an ausgemergelten Gestalten flohen aus Ostpreußen und Pommern und tausende waren täglich auf den Schwarzmarkt angewiesen, um durch Zubrot ihrer kärglichen Lebensmittelrationen ihr Leben und das ihrer Familien zu retten. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass die vier Siegermächte nach deutschen Wissenschaftlern suchten, nicht etwa abgestimmt, sondern alle in Konkurrenz zu allen.

Am raffiniertesten waren die Amerikaner. Deren Hauptziel waren die deutschen Atomforscher, ihre Hauptsorge galt deswegen dem deutschen Kernspaltungspotenzial. Schon frühzeitig stellten sie eine kleine, äußerst geheime Gruppe von Wissenschaftler und „Draufgänger“ auf, die mit höchsten militärischen Befugnissen ausgestattet wurden.

Sofort nach der Landung im Juni 1944 (D-Day) in der Normandie mischte die Gruppe ALSOS als Suchtrupp ganz vorne und an allen Frontabschnitten mit. ALSOS war überall und schnell. Sie konnten wegen oben erwähnten militärischen Befugnisse beliebige Truppenteile requirieren und hatten immer das Bestreben, vor den anderen Alliierten am Ziel zu sein, d. h. hochrangige deutsche Wissenschaftler „abzugreifen“. Und darin waren sie sehr erfolgreich, beispielsweise mit der Festnahme von Werner Heisenberg, W. Groth, Gerlach, Diebner, Dr. Harteck usw.

Ganz anders machten es die Russen, die sofort nach der Kapitulation mit der Demontage von Industriebetrieben in Ost-Deutschland und ganz Berlin begonnen hatten. Nicht demontierte Betriebe im Osten wurden wieder zugelassen und wenig später meistens in sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) überführt.

In den SAGs standen - unter sowjetischer Direktion - deutsche Fachleute, die die Entwicklungs- und Produktionsabläufe leiteten. Auch wurden weitere deutsche Fachleute angeworben, darunter auch aus dem Westen. Die Versorgung war deutlich besser als in den VEBen (volkseigenen Betrieben) oder West-Berlin.
Daher zog es viele Fachleute zu den SAGs, auch aus West-Berlin.
Von den Russen wurden auch attraktive Wohnungen in Ost-Berlin gestellt.

So weit, so gut, besser: so schlecht. Denn keiner hatte mit der Hinterlist der Russen und ihrer Aktion „Ossawakim", die offensichtlich von langer Hand vorbereitet worden ist, gerechnet. In der Nacht zum 22.Okt.1946 schnappte die Falle zu.

Um 4 Uhr morgens waren zeitgleich etwa 2000 Wohnungen umstellt. Die Bewohner wurden mit lautem Getrommel aus dem Schlaf gerissen. Hinter vorgehaltener Waffe gab man ihnen 2 Stunden Zeit bis zum Abtransport. In dieser Zeit wurde von den Soldaten der ganze Hausrat und Mobilar auf LKWs verladen. Dann ging es zum Bahnhof. Hier standen 92 Sonderzüge bereit für die ca.12000 Personen, die dann mit unbekanntem Ziel gen Osten rollten.

Die Schicksale waren unterschiedlich: Einem der Experten, der offensichtlich ohne Familie war, gelang es, aus dem fahrenden Zug zu springen und sich bis in den Westen durchzuschlagen. Einen anderen fanden die Russen in der Nacht nicht in seiner Wohnung, und so fasste man ihn am nächsten Morgen an seinem Arbeitsplatz. Und da der Befehl "Abfangen mit Frau" lautete, musste der gute Mann die nächsten 10 Jahre mit seiner Sekretärin zusammenleben.

Ein anderer, der allerdings davonkam, war der spätere „Farb-Fernseh-Papst“ Dr. Walter Bruch, Professor und Erfinder des PAL-TV-Systems. Er arbeitete auch in einer SAG, wohnte aber in West-Berlin. Die Russen hatten ihm eine Wohnung in Ost-Berlin zugewiesen, die er aber nicht bezog und deshalb fand man ihn bei der Aktion „Ossawakim" dort nicht vor. Nichts ahnend wollte Bruch am nächsten Morgen mit der S-Bahn zur Arbeit fahren, als ihn am Bahnhof jemand warnte, es sei Merkwürdiges in der Nacht im Osten passiert. Bruch macht schleunigst auf dem Hacken kehrt und war so gerettet.

Alle anderen wurden mit ihren Familien, je nach Arbeitsgebiet, in verschiedene Orte der Sowjetunion verteilt, wo sie dann etwa 10 Jahre in abgeschlossenen Lagern arbeiten mußten. Die Unterkünfte und Versorgung waren für russische Verhältnisse luxuriös, für die Betroffenen meist annehmbar. Sie konnten z. B. ihr Lager verlassen, wenn auch nur auf Antrag und dann mit Bewachern.

Kontakte in die Heimat waren verboten. Die Sowjets leugneten das ganze Projekt, bis Kanzler Konrad Adenauer bei seinem ersten Moskaubesuch im September 1955 Beweise vorlegen konnte. Und so brachte er nicht nur die letzten Kriegsgefangenen, sondern auch die verschleppten deutschen Spezialisten und Wissenschaftler nach Hause.

(Text von Fritz Arends)


Quellen:

  • Bar-Zohar Die Jagd auf die deutschen Wissenschaftler (1965) (antiquarisch)
  • Ulrich Albrecht Die Spezialisten ISBN 3-320-01788-8 (1992) (antiquarisch)
  • Fritz Traxler Die verschleppten Spezialisten / Aktion „Ossawakim“ (2016)
  • BERLIN in Geschichte und Gegenwart / Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 1996, S. 183 bis 208 Sowjetische Aktiengesellschaften in Berlin nach 1945.
  • Telefongespräche mit Frau Ellen Lertes geb. Buschbeck (2002)
  • Erdmann Thiele TELEFUNKEN nach 100 Jahren ISBN 3-87584-961-2 (2003)